BlogStrategy19. August 2026

Das macht bei uns die IT. Der teuerste Satz im Marketing

Copilot läuft, Agenten laufen, die IT baut den Firmen-Chatbot. Trotzdem entsteht kein Wachstum. Warum Marketing die Verantwortung für KI selbst tragen muss.

Fabian Ulitzka8 MinAI-assisted, human-reviewed

Das macht bei uns die IT. Der teuerste Satz im Marketing

Letzte Woche saß ich mit dem CMO einer großen Marke für Küchen- und Elektrogeräte zusammen. Er war offen und ehrlich unsicher: ob er KI-Enablement überhaupt brauche, könne er nicht sagen. Copilot sei eingeführt. Erste Agenten habe er selbst gebaut und arbeite täglich mit ihnen. Und die IT baue gerade einen unternehmensweiten Chatbot, der nur intern verfügbar ist.

Nichts davon ist falsch. Alles davon ist mehr, als die meisten Marketingorganisationen vorzuweisen haben.

Beschäftigt hat mich das Gespräch trotzdem. Nicht, weil auf seiner Liste etwas fehlt, sondern weil alles darauf zur selben Kategorie gehört: Jeder Punkt war eine Frage der Bereitstellung. Kein einziger war eine Frage der Wertschöpfung.

Solche Gespräche hatte ich in den letzten Monaten mehrfach. Und ich frage mich zunehmend, ob wir im Marketing schon das richtige Mindset haben.

KI ist keine Software, die man einführt

Ein Warenwirtschaftssystem führst du ein. Es hat einen Zweck, einen Prozess und ein Ende. Danach läuft es.

KI hat das nicht. Sie ist eine Enablement-Technologie, und ohne Prozesskompetenz bleibt sie wertlos. Sie verändert, wie Marketing Wert erzeugt: in Content-Prozessen, in der Suche, in der Kampagnensteuerung, im Reporting und zunehmend in den Rollen selbst. Deshalb lautet die Frage nicht, wie KI technisch eingeführt wird. Sie lautet, wie sich die Wertschöpfung des Marketings dadurch verändert. Diese Antwort kann nur das Marketing geben.

Das Problem liegt ausdrücklich nicht in der IT. Im Gegenteil, sie erfüllt ihren Auftrag: Sicherheit, Governance, Infrastruktur, stabiler Betrieb. Sie baut das Fundament, auf dem Effizienz überhaupt möglich wird. Marketing hat einen anderen Auftrag: Wachstum erzeugen, Nachfrage entwickeln, Wettbewerbsvorteile schaffen.

Wer die Verantwortung für KI an die IT übergibt, bekommt in der Regel genau das, worauf die IT optimiert. Und das ist Effizienz.

Effizienz ist der Weg, nie das Ziel

Effizienz entsteht inzwischen fast von allein. Content geht schneller, Reportings laufen automatisch, Recherche kostet einen Bruchteil der bisherigen Zeit. Genau deshalb ist Effizienz zur dominierenden Kennzahl vieler KI-Initiativen geworden.

Das wirkt logisch, greift aber zu kurz. Effizienz beschreibt nur, dass dieselbe Aufgabe weniger Aufwand kostet. Welcher wirtschaftliche Wert daraus entsteht, entscheidet sich erst danach. Und diese Entscheidung trifft nicht immer das Marketing.

Der US-Anbieter Clarecast hat dafür einen unangenehmen Befund vorgelegt. Über 1.300 Unternehmen zeigen bereits heute alle vier Signale einer KI-getriebenen Schrumpfung, lange bevor eine einzige Stelle offiziell wegfällt. Knapp 10.000 weitere gelten als gefährdet. Am meisten beschäftigt mich ein Detail daraus: Betroffene Teams liefen rund 17 Monate unter der erwarteten Personalkurve, bevor überhaupt etwas angekündigt wurde. Die Entscheidung war also längst gefallen, während in den Abteilungen weiter über Produktivitätsgewinne gesprochen wurde.

  • Über 1.300 Unternehmen – zeigen bereits heute alle vier Signale einer KI-getriebenen Schrumpfung
  • Vier Signale – Indikatoren der KI-getriebenen Schrumpfung in den betrachteten Unternehmen
  • Knapp 10.000 weitere – gelten als gefährdet
  • Rund 17 Monate – liefen betroffene Teams unter der erwarteten Personalkurve

Purna Virji, früher bei Microsoft und LinkedIn, nennt gesparte Zeit deshalb die ultimative KI-Vanity-Metric. Ihr Argument sitzt: Wer den Erfolg seiner KI-Arbeit in eingesparten Stunden ausdrückt, erzählt eine Produktivitätsgeschichte. Und liefert damit das überzeugendste Argument dafür, dieselbe Arbeit künftig mit weniger Menschen zu erledigen.

Marketing sagt Produktivität. Im Controlling wird daraus Einsparpotenzial. Gleiche Zahl, andere Lesart. Wer die Zahl liefert, aber nicht die Interpretation, hat sie aus der Hand gegeben.

Was die IT nicht beantworten kann

Die Trennlinie ist präziser, als die Debatte oft klingt. Welches Werkzeug die Preise der Wettbewerber ausliest, kann und soll die IT beantworten. Dass sich Preisbeobachtung mit KI auf ein völlig anderes Level heben lässt, wird nicht der erste Reflex einer IT-Abteilung sein. Diese Perspektive kommt aus dem Fachbereich, oder sie kommt nicht.

Drei Beispiele, die mir in Projekten am häufigsten begegnen.

Welcher Content soll überhaupt noch entstehen?

Jahrelang war Content-Produktion durch die Arbeitszeit der Redaktion begrenzt. Themen mussten priorisiert werden, weil Ressourcen knapp waren. Diese Grenze ist weg. Content schnell zu produzieren ist ein no brainer geworden. Interessant ist die andere Frage: welche Inhalte überhaupt entstehen sollen und welchen Beitrag sie zur Wertschöpfung leisten. Das ist keine technische Frage, das ist eine Priorisierungsentscheidung mit Ergebnisverantwortung.

Was passiert mit Sichtbarkeit, wenn niemand mehr klickt?

Um Generative Engine Optimization ist eine eigene Disziplin entstanden. Welche Inhalte werden zitiert, welche Formate funktionieren, welche technischen Anforderungen gelten. Alles berechtigt. Die eigentliche Veränderung ist aber keine neue Optimierungsdisziplin: Das Suchverhalten deiner Kunden verändert sich. Informationen werden nicht mehr über einzelne Seiten konsumiert, sondern direkt von KI-Systemen aufbereitet. Damit verschieben sich Reichweite, Distribution und die gesamte Logik digitaler Sichtbarkeit. Du musst also nicht deine SEO-Taktik nachziehen. Du musst bestimmen, welche Rolle Sichtbarkeit in deiner Wertschöpfung künftig überhaupt spielt.

Wofür sind Menschen da, wenn Agenten die Arbeitsschritte übernehmen?

Agenten bereiten Briefings vor, analysieren Zielgruppen, entwickeln Anzeigenvarianten, optimieren Budgets. Damit verändern sich Arbeitsschritte. Relevanter ist, dass sich die Rolle der Menschen verändert. Der Wettbewerbsvorteil entsteht künftig weniger daraus, operative Aufgaben besonders effizient zu erledigen, sondern daraus, bessere Entscheidungen zu treffen, unterschiedliche Informationen zusammenzuführen und daraus neue Angebote und Kundenerlebnisse zu entwickeln.

Alle drei Beispiele zeigen dasselbe: KI verändert nicht einzelne Marketingdisziplinen. Sie verändert die Logik, nach der Marketing Wert schafft.

  1. Content-Priorisierung statt Produktionslimit Früher begrenzte die verfügbare Redaktionszeit, was entstehen konnte. Mit KI fällt diese Schranke weg. Entscheidend wird, welche Inhalte entstehen sollen und welchen Beitrag sie zur Wertschöpfung leisten.
  2. Sichtbarkeit jenseits klassischer SEO Suchverhalten verlagert sich in KI-aufbereitete Antworten, Reichweite und Distribution verschieben sich. Die Frage ist nicht nur Optimierung, sondern welche Rolle Sichtbarkeit künftig in der eigenen Wertschöpfung spielt.
  3. Menschen als Entscheider, Agenten als Operatoren Agenten übernehmen operative Schritte wie Briefings, Varianten und Budgetoptimierung. Menschen schaffen Vorteil, indem sie bessere Entscheidungen treffen und Informationen zu neuen Angeboten und Erlebnissen verbinden.

Deshalb greift es zu kurz, Content, Suche und Kampagnensteuerung getrennt zu diskutieren. Entscheidend wird die Fähigkeit, diese Disziplinen End-to-End zu denken: von der ersten Marktbeobachtung über die Inhalte bis zur Distribution und zurück in die Organisation.

Und damit kommt der Teil, der sich am wenigsten delegieren lässt. Die Aufgabe des Marketings bestand immer darin, Kundinnen und Kunden zu verstehen und ihre Anforderungen bestmöglich zu bedienen. Diese Kompetenz wird nicht kleiner, sie wird zum Nadelöhr. Denn dieses Wissen muss jemand den Agenten beibringen (Stichwort Context Engineering). Ohne diesen Kontext produziert kein Agent dauerhaft brauchbare Ergebnisse. In den Unternehmen, die wir begleiten dürfen, ist das regelmäßig der Punkt, an dem es kippt: Die Technik steht, das Wissen fehlt.

Was kommt nach der Effizienz?

Effizienzpotenziale entstehen heute fast überall von allein. Modelle werden besser, Agenten übernehmen komplexere Aufgaben, manuelle Prozesse fallen weg. Die entscheidende Frage ist, was du daraus machst.

Lautet die Antwort, dieselbe Arbeit mit weniger Ressourcen zu erledigen, bleibt KI ein Rationalisierungsprojekt. Lautet sie, mit demselben Team mehr zu entwickeln, neue Märkte zu erschließen oder Kundenerlebnisse anders zu bauen, entsteht ein völlig anderes Bild.

Ein konkreter erster Schritt, der eine Stunde kostet und jederzeit umkehrbar ist: Nimm deine drei größten KI-Initiativen und schreibe hinter jede, welches Geschäftsergebnis sie möglich macht. Nicht, wie viel Zeit sie spart. Welches Ergebnis. Wo du das nicht beantworten kannst, hast du eine Frage der Bereitstellung vor dir, keine der Wertschöpfung. Das ist noch kein Problem. Es wird eines, sobald jemand anderes im Haus die Antwort für dich formuliert.

Häufige Fragen zu KI, Effizienz und Marketingverantwortung (FAQ)

Warum reicht es nicht, KI nur technisch einzuführen?

Weil KI als Enablement-Technologie erst durch Prozesse und Zielbilder im Fachbereich Wirkung entfaltet. Eine reine Bereitstellung erzeugt bestenfalls Effizienz, aber keine Antwort darauf, wie Marketing damit Wert schafft. Diese Antwort kann nur das Marketing selbst liefern.

Wie messe ich den Erfolg von KI jenseits eingesparter Zeit?

An geschäftlichen Ergebnissen, nicht an Stunden. Lege fest, welches Resultat eine Initiative ermöglichen soll, und verknüpfe die Arbeit mit klaren Ergebnisverantwortungen. Zeitgewinne sind ein Mittel, kein Ziel.

Welche Rolle hat die IT im Vergleich zum Marketing?

Die IT stellt Sicherheit, Governance, Infrastruktur und stabilen Betrieb sicher. Marketing verantwortet Wachstum, Nachfrage und Differenzierung im Wettbewerb. Wer die Verantwortung komplett an die IT abgibt, bekommt primär Effizienz – nicht zwingend Wirkung.

Was bedeutet die Veränderung der Suche für meine Sichtbarkeit?

Kunden erhalten Antworten zunehmend direkt von KI-Systemen, ohne den Umweg über einzelne Seiten. Dadurch ändern sich Reichweite, Distribution und die Logik von Sichtbarkeit. Entscheidend ist, welchen Beitrag Sichtbarkeit künftig zur eigenen Wertschöpfung leisten soll.

Womit kann ich konkret beginnen, wenn wir bisher auf Effizienz fokussieren?

Liste deine größten KI-Initiativen und notiere das beabsichtigte Geschäftsergebnis statt der eingesparten Zeit. Wo diese Zuordnung fehlt, handelt es sich um Bereitstellungsthemen. Das schafft Transparenz und lenkt die Diskussion auf Wirkung.

Zurück zu dem Gespräch vom Anfang. Die Frage des CMO, ob er Enablement braucht, war ehrlich gestellt. Sie war nur falsch adressiert. Er hat KI. Was ihm fehlt, ist eine Antwort darauf, was sein Marketing damit anders macht als vorher.

Die Technologie verstärkt deine Organisation. Sie verbessert sie nicht.

Wer die Verantwortung abgibt, bekommt Effizienz. Wer sie behält, kann dieselbe Technologie für Wachstum, Innovation und neue Wertschöpfung nutzen. Und jetzt ist der Moment, diesen Sprung zu machen, weil die Effizienzgewinne gerade erst sichtbar werden und noch niemand entschieden hat, wem sie gehören.

Wer beantwortet in deinem Unternehmen die Frage, was nach der Effizienz kommt? Wenn dir dazu niemand einfällt, ist die Antwort möglicherweise schon gefallen.

Interesse geweckt?

Lasst uns gemeinsam herausfinden, wie wir diese Ansätze in eurer Organisation umsetzen können.

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