Fast alle nutzen KI. Das sagt fast nichts.
Behandle KI-Kompetenz als fortlaufende Entwicklung, nicht als Zustand. Anwender nutzen KI innerhalb bestehender Prozesse. Gestalter verändern mit KI die Prozesse selbst. Dazwischen liegen sechs Stufen in drei Disziplinen. Jede einzelne bringt dich weiter, keine lässt sich überspringen. Und ein Ankommen gibt es nicht, weil sich das Feld schneller erneuert, als Teams lernen können.
Warum ich das so klar sage: In den vergangenen Jahren habe ich vielen hundert Menschen KI beigebracht. In Konzernen und im Mittelstand, mit Copilot, mit Claude, mit ChatGPT, mit Leuten, die seit zwei Jahren täglich prompten, und mit Leuten, die noch nie ein Modell geöffnet hatten. Über all diese Umgebungen hinweg war die Herausforderung immer dieselbe. Nicht das Tool, nicht das Modell, nicht der Prompt. Sondern der Sprung von Output zu Outcome. Es ist erstaunlich leicht geworden, mit KI etwas zu produzieren. Es ist erstaunlich schwer geblieben, damit echte Wertschöpfung zu erzeugen.
- 6 Stufen – Entwicklungspfad vom Anwender zum Gestalter
- 3 Disziplinen – Prompt, Context und Process Engineering strukturieren den Weg
Warum die meisten Teams ihre Vergangenheit automatisieren
Gewachsene Prozesse sind die Regel. Fast jedes Marketingteam arbeitet in einer Kette wie dieser: Briefing, Analyse, Konzept, Budgeting, Umsetzung, Review. Dann kommt KI dazu, und plötzlich wird jeder dieser Schritte schneller. Das fühlt sich nach Umbau an. In den meisten Fällen ist es Beschleunigung: Der Prozess bleibt exakt derselbe, nur einzelne Arbeitsschritte werden schneller.
Das ist nicht schlecht, im Gegenteil, es ist meistens der richtige Einstieg. Aber es ist eben nur der Einstieg. Die Teams durchlaufen danach ziemlich verlässlich dieselben Phasen: Neugier, individuelle Beschleunigung, und dann ein Plateau. Alle nutzen KI, alle sagen, es helfe, und trotzdem verändert sich am Ergebnis der Abteilung nichts Messbares. Erst danach kommt die ehrliche Frage: Warum existiert dieser Arbeitsschritt überhaupt noch?
Praxisbeispiel: Wir denken über komplexe KI-Prozesse nach, um eine Excel-Liste automatisch zu formatieren, die per Mail (natürlich komplett unstrukturiert) durchs Team wandert. Die eigentliche Frage setzt einen Schritt früher an: Warum schicken wir diese Liste überhaupt hin und her? Die Antwort ist meistens: weil wir es schon immer so gemacht haben oder wir keinen Einfluss auf den Urheber der Liste haben. Ein Formular, das die Daten strukturiert abfragt, ersetzt den kompletten Schritt, und das Formatierungsproblem verschwindet gleich mit.
Von der Excel-Liste zum Formular
Im Alltag entsteht leicht der Impuls, komplexe KI-Prozesse zu bauen, um eine Excel-Liste automatisch zu formatieren, die per Mail durchs Team wandert.
Die ehrlichere Frage setzt früher an: Warum schicken wir diese Liste überhaupt herum? Oft lautet die Antwort: weil wir es schon immer so gemacht haben.
Ein Formular, das die Daten strukturiert abfragt, ersetzt den ganzen Schritt. Das vermeidet das Formatierungsproblem gleich mit.
Der Weg aus diesem Muster ist kein einzelner Aha-Moment. Er führt über sechs Stufen, die sich in unsere drei Engineering-Disziplinen gliedern.
- Prompt Engineering Hier beginnt der Wechsel vom Fragen zum Beauftragen: Statt vage Anfragen zu stellen, übergibst du Aufgaben mit Ziel, Kontext und Erwartungsbild. Auf Stufe 2 liefert KI nicht nur Ratschläge, sondern produziert konkrete Ergebnisse wie Präsentationen oder Analysen.
- Context Engineering Ein System ohne Kontext startet bei jeder Aufgabe bei null; mit angeschlossenem Wissen bekommt es Zugriff auf E‑Mails, Kalender, Dokumente, Kampagnendaten und internes Wissen. Mit Gedächtnis und Rückkopplung werden Feedback, Regeln und Entscheidungen Teil des Kontexts und generische Outputs gehen spürbar zurück.
- Process Engineering Aus persönlichen Prompts werden wiederverwendbare Workflows, Skills und Playbooks mit klaren Qualitätskriterien. In der höchsten Stufe wird der Prozess selbst neu geschnitten: Systeme übernehmen Schritte, der Mensch entscheidet dort, wo es nötig ist.
Disziplin 1: Prompt Engineering
Stufe 1: Beauftragen statt fragen. Viele Menschen behandeln KI wie eine bessere Suchmaschine. Frage rein, Antwort raus, und wenn die Antwort mittelmäßig ist, kann KI das eben noch nicht. Dabei würde dieselbe Führungskraft einem neuen Mitarbeiter niemals sagen "Mach mal eine Marketingstrategie", ohne Ziel, ohne Kundensituation, ohne Beispiele, ohne zu erklären, wie ein gutes Ergebnis aussieht. Die erste Stufe nimmst du, wenn du aufhörst, KI Fragen zu stellen, und anfängst, ihr Arbeit zu übergeben.
Stufe 2: Ergebnisse statt Antworten. Nicht "Wie könnte eine Präsentation aussehen?", sondern "Erstelle die Präsentation." Nicht "Welche Kennzahlen sollte ich analysieren?", sondern "Analysiere die Daten und zeig mir die Abweichungen." Sobald KI tatsächlich Arbeit produziert statt nur zu beraten, verändert sich der Hebel spürbar.
Disziplin 2: Context Engineering
Stufe 3: Wissen anschließen. Ein System ohne Kontext beginnt bei jeder Aufgabe wieder bei null. Auf dieser Stufe bekommt es Zugriff auf das, womit dein Team arbeitet: E-Mails, Kalender, Dokumente, Kampagnendaten, internes Wissen. Es weiß, was bereits entschieden wurde, welche Kampagnen laufen und welche Ziele vereinbart sind.
Stufe 4: Gedächtnis und Rückkopplung. Jetzt fließen Korrekturen zurück ins System statt in den Papierkorb. Frühere Entscheidungen, Feedback und wiederkehrende Regeln werden Teil des Kontexts. Das ist die Stufe, auf der aus verstreutem Wissen eine gepflegte Wissensbasis wird, und der Punkt, an dem der Frust über generische Outputs spürbar sinkt.
Disziplin 3: Process Engineering
Stufe 5: Wiederverwendbare Systeme bauen. Ein guter Prompt, den eine Person immer wieder manuell verwendet, bleibt persönliche Produktivität. Auf dieser Stufe wird daraus ein Workflow, ein Skill, ein Playbook, das das ganze Team nutzt, mit festen Qualitätskriterien und klaren Ergebnissen. Im einen Fall hat eine Person einen Trick gelernt. Im anderen hat die Organisation ein Asset aufgebaut.
Stufe 6: Arbeit neu gestalten. Die oberste Stufe stellt den Prozess selbst infrage. Welche Schritte braucht es noch, welche übernimmt ein System, wo bleibt die menschliche Entscheidung? Hier hört ein Team auf, seine Vergangenheit zu beschleunigen, und beginnt, seine Arbeit neu zu bauen. Das ist die Gestalter-Ebene.
Der Aufstieg passiert übrigens nicht durch Zuschauen. Die Menschen, die diese Stufen am schnellsten nehmen, kennen selten jedes neue Modell. Sie haben viele Wiederholungen auf echter Arbeit hinter sich: ein schwieriges Kundenbriefing, ein Reporting, ein Prozess, der seit Monaten nervt. Daraus entsteht KI-Intuition, das Gefühl dafür, wo KI stark ist und wo der Mensch die entscheidende Rolle behält.
Lass die KI deinen Prozess mit dir erarbeiten
Und wie findest du heraus, wo dein Team steht und welcher Schritt sich lohnt? Meine Antwort ist konsequent KI-gestützt. Denn auf den unteren Stufen kannst du selbst kaum beurteilen, welcher Arbeitsschritt von einem System übernommen werden kann. Dir fehlt schlicht die Erfahrung damit, was heute schon geht.
Also dreh es um. Gib der KI deinen Prozess und deine echten Arbeitsstände: die letzten Briefings, Reports oder Newsletter, die daraus entstanden sind, und die Schritte dazwischen. Lass dich zu deinem Prozess interviewen. Und dann lass dir Vorschläge machen: Welche Schritte lassen sich weitgehend übernehmen, wo unterstützt KI einen Menschen, wo bleibt die Entscheidung zwingend bei euch, und welche Schritte braucht es womöglich gar nicht mehr? Du bewertest die Vorschläge, du entscheidest. Aber die Landkarte zeichnet dir das System, nicht dein Bauchgefühl auf Stufe eins. Genau diese Übung ist nebenbei der schnellste Weg, mehrere Stufen auf einmal zu verstehen.
Warum du diesen Umbau nicht auslagern kannst
Die Arbeit, um die es hier geht, ist Veränderungsarbeit: Prozesse infrage stellen, Rollen neu schneiden, Menschen durch Unsicherheit führen. Klassischerweise eine Disziplin, die gern nach außen geht. In diesem Fall halte ich das für den falschen Weg. KI muss in den Kern der Wertschöpfungsprozesse, und der lässt sich nicht von außen umbauen, weil das Wissen darüber, warum ein Prozess so aussieht, wie er aussieht, im Team liegt und nirgendwo sonst. Wer den Umbau vergibt, bekommt ein Zielbild und behält das Problem. Externe Unterstützung muss deshalb so aussehen: nicht jemand, der es für dich macht, sondern jemand, der es mit deinem Team macht, damit die Fähigkeit im Haus bleibt.
Häufige Fragen zu den sechs Stufen mit KI (FAQ)
Woran erkenne ich, auf welcher Stufe mein Team steht?
Beobachte, ob KI nur berät oder bereits Arbeit produziert, ob Wissen systematisch angeschlossen ist und ob wiederverwendbare Workflows existieren. Je mehr Schritte das System eigenständig übernimmt und je klarer Rollen und Qualitätskriterien sind, desto höher die Stufe.
Was unterscheidet Beschleunigung von echtem Umbau?
Beschleunigung macht bestehende Einzelschritte schneller, ohne den Ablauf zu verändern. Echter Umbau stellt den Prozess selbst infrage und gestaltet Arbeit neu, sodass einige Schritte entfallen oder von Systemen übernommen werden.
Welche ersten Schritte helfen beim Einstieg in Context Engineering?
Starte mit den Quellen, die dein Team täglich nutzt: E-Mails, Kalender, Dokumente, Kampagnendaten und internes Wissen. Entscheidend ist, dass Korrekturen und Feedback zurückfließen und Teil eines wachsenden Gedächtnisses werden.
Wie setze ich Prompt Engineering richtig ein?
Gib klare Ziele, Beispiele und Qualitätskriterien vor und beauftrage die KI mit konkreter Arbeit statt mit allgemeinen Fragen. Fordere Ergebnisse wie Entwürfe, Analysen oder Präsentationen ein und iteriere anhand echter Arbeitsstände.
Sollte man den Umbau an externe Partner auslagern?
Der Kernumbau gehört ins Team, weil das entscheidende Prozesswissen intern liegt. Externe können unterstützen, indem sie mit dem Team arbeiten und Fähigkeiten aufbauen, nicht indem sie den Prozess von außen definieren.
Fazit
Egal wie schnell du unterwegs bist, am Ende passt du deine Wertschöpfungsprozesse selbst an und wendest KI nicht mehr nur auf deine bestehenden Prozesse an. Das ist die Trennlinie der nächsten Jahre: nicht zwischen Menschen, die KI nutzen, und solchen, die es nicht tun, sondern zwischen Anwendern und Gestaltern. Jede der sechs Stufen bringt dich näher an diesen Punkt, und jede beginnt mit echter Arbeit statt mit dem nächsten Tool. Die ehrliche Frage zum Schluss: Auf welcher Stufe steht dein Team wirklich? Und welche nehmt ihr euch als nächste vor?
Interesse geweckt?
Lasst uns gemeinsam herausfinden, wie wir diese Ansätze in eurer Organisation umsetzen können.
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